Sternschanze 1942

Sternschanze 1942

Dem Schulgebäude sieht man es an: Die Geschichte der Schule ist sehr lang. Verschiedene Schulformen hat die Institution erlebt, verschiedene Menschen haben die Geschichte geprägt. In diesen Tagen steht die Zeit des Nationalsozialismus im Mittelpunkt des Interesses. Die Schule und viele Menschen aus dem Schanzenviertel gedenken der Ereignisse in der Schule im Jahr 1942.

Die Zeit der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war eine kalte Zeit. Mit grauenhaftem Perfektionismus bereiteten die Nazis den Krieg vor und trieben die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung voran. In den Schulen Hamburgs wurden jüdische Kinder immer mehr an den Rand gedrängt, erst diskriminiert, dann schikaniert und gequält. An Ende stand die Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt, die in der Schule Sternschanze begann. Kaum einer der 1700 deportierten Menschen kam mit dem Leben davon.

Die jüdischen Kinder wurden in den Jahren zuvor aus den öffentlichen Schulen entfernt und in immer wieder andere Schulen geschickt. Ende der dreißiger Jahre durften die jüdischen Mädchen nur noch die israelitische Töchterschule in der Karolinenstraße 35 besuchen. Viele Kinder waren es nicht mehr – nur noch 76. Die meisten anderen waren bereits aus Hamburg geflohen oder vertrieben worden.

Als auch diese Schule geschlossen werden soll, beschließt die Schulbehörde, die Kinder im oberen Stockwerk der Schule Sternschanze unterzubringen und löst dabei Widerstand aus. In einem Brief listet die damalige Schulleiterin Emma Lange gleich sechs Gründe auf, warum jüdische Kinder der Schulgemeinschaft nicht aufgenommen werden können. Sie schreibt von dem guten Ruf ihrer Schule und dass dem Lehrkörper und der Elternschaft der Einzug der Kinder nicht zuzumuten wäre. Ein eiskalter Brief, geht es doch um Kinder.

Frau Lange setzte sich bei der Schulbehörde durch. Die jüdischen Kinder kamen nicht das obere Geschoss. Stattdessen wurde ihre Schule im Juli 1942 zur Sammelstelle für den Abtransport der jüdischen Bevölkerung nach Theresienstadt.

Vor einiger Zeit wurde der lang vergessene Brief von Frau Lange an die Schulbehörde von dem Stadtteilforscher Holger Artus und der Historikerin Anna von Villiez im Staatsarchiv wiedergefunden. Sie beschließen, das zynische Schreiben öffentlich zu machen und an die jüdischen Kinder zu erinnern. In diesen Tagen fand eine erste Online-Gedenkveranstaltung statt. Weitere Veranstaltungen sind geplant. Auch die Ganztagsgrundschule Sternschanze möchte in Zukunft eine Erinnerungskultur an diese Ereignisse aufbauen und pflegen.

Besser spät als nie möchte man meinen. Warum passiert das alles erst jetzt?
Frau Lange überstand die Zeit des Nationalsozialismus weitgehend unbeschadet und durfte noch bis 1957 Schulleiterin der Schule Sternschanze sein. Erst 25 Jahre später verließ der letzte Lehrer, der noch im Dritten Reich vor den Klassen stand, 1982 das Kollegium.

Unter www.sternschanze1942.de wird an dieses und weitere erschreckende Ereignisse im Stadtteil und in der Schule erinnert

Am 8. April 2021 fand eine Gedenkveranstaltung bei Youtube statt. Sie ist dort abrufbar.

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschien am 28. Januar 2021 der Artikel „Im Sinne der Rassenreinheit“ (.pdf) von Hauke Friedrichs, den wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion hier veröffentlichen können. Er beschreibt sehr eindrücklich und detailgetreu die Ereignisse an unserer Schule während der NS-Zeit.
Morgenpost-Redakteur Olaf Wunder besuchte Theresienstadt und hat einen beeindruckenden Bericht dazu geschrieben.

Im Einzugsgebiet unserer Schule befindet sich auch die Gedenkstätte Israelitische Töchterschule.